ANALOGE GEDANKEN IN DIGITALEN ZEITEN.

Dieser Satz oder dieses Motto begleitet mich nunmehr seit einiger Zeit und versinnbildlicht in gewisser Weise die Art, wie sich meine Arbeit in den vergangenen Jahren verändert und angepasst hat. Als gedankliches Leitmotiv erscheinen diese Worte wirklich jedes Mal, wenn ich meine Kamera in die Hand nehme. Erstmals „erdacht“ wurde dieser Satz begleitend zu einer Idee für eine Modeproduktion in einer kleinen einsamen Villa mit Meerblick auf Mallorca. Der ideale Ort, um grosse Werke zu verfassen. Ich hatte vor, eine Strecke über einen Schriftsteller zu fotografieren, der im altmodischen Stil tatsächlich noch auf einer alten Schreibmaschine arbeitete. Mir gefiel diese Analogie von Schreiben und Fotografieren mit analogen Hilfsmitteln. Ich besorgte als Requisiten für diese Serie alte Schreibmaschinen, die in punkto Design, Eleganz und Haptik jeder noch so cool gestalteten Computertastatur weitaus überlegen waren. Alleine der wunderbare Klang der Tastenanschläge sei verglichen, und das jetzt für die Freaks, mit Schallplatte und MP3. Ich wollte den possessiven Akt des Schreibens, das Leiden des Autors deutlich machen, den fühlbaren Weg zum Ergebnis, welches ich aus meinen Anfangszeiten mit stundenlangen Laborsitzungen und daraus resultierenden Materialschlachten aus Film und Papier nur allzu gut kannte. Für die Fotostrecke brauchte ich also nicht nur eine Schreibmaschine, sondern auch Papier, Texte, zerknüllte Blätter, die vom Kampf des Schriftstellers mit seinen Gedanken zeugten. Genau wie die zerrissenen Probeabzüge, die damals überall in meiner Dunkelkammer lagen, weil das Ergebnis eben doch noch nicht das Ergebnis war. Ich besorgte Papier. Papier mit einem leichten Farbstich. Das schien mir morbider, vielleicht „analoger“ auszusehen. Ich brauchte Text. Analog Thoughts In Digital Times kam mir spontan in den Sinn. Es gab keine Alternative. Die Texte auf den Blättern mussten echt sein. Für eigene Texte fühlte ich mich nicht fähig genug, Blindtext war mir zu banal. Ich musste ja davon ausgehen, dass man die Texte eventuell auf manchen Motiven tatsächlich lesen konnte. Letztlich kopierte ich also mir wichtige und über die Jahre vertraute Textpassagen und Zitate meiner Lieblingsmusiker und bestückte zahlreiche Blätter damit. Um das Ganze noch authentischer wirken zu lassen, fügte ich auch noch handschriftliche Korrekturen und Ergänzungen zu den Texten. Die Texte schrieb ich natürlich auf einem Computer, mit einer Schreibmaschinenschrift, die ich mir extra besorgt hatte. Tatsächlich als Download. Und was mich im Nachhinein doch etwas ärgert: Ich hätte das Ganze konsequenterweise auch wirklich analog fotografieren sollen! Willkommen in der Digitalen Zeit. Ein niemals enden wollendes Dilemma für meine Generation. Tatsächlich kam mir die Digitalisierung in der Fotografie aber doch entgegen. Ich war früher wirklich ein Labormuffel. Geiselte mich mit bekannten Gesetzen der Fotopraxis, stützte mich auf Erfahrungen meiner Kollegen und war wenig experimentierfreudig. Ausserdem fühlte ich meine kreative Freiheit durch immense Materialkosten seinerzeit sehr eingeschränkt. Filme, Papier und Chemie waren teuer für einen armen Fotografiestudenten und ziellos austoben war kein Plan. Man musste früh wissen und noch früher entscheiden, wie das angestrebte Ergebnis aussehen sollte. Das digitale Fotografieren öffnete mir plötzlich neue Horizonte, neue Perspektiven im wahrsten Sinne. Mehr Beweglichkeit, mehr Experimentierfreude, mehr Mut. Ich machte augenblicklich mehr Bilder, probierte mehr aus, war mit einem Mal digitalisiert. Ich konnte zu jeder Zeit das einfach löschen, was mir nicht gefiel. Verrückt. Dennoch blieben meine Wurzeln analog. Und auch meine Gedanken. 

Ich habe heute mehr denn je den Drang, jedes meiner neu entstandenen Bilder zu allererst einmal analog zu hinterfragen. Hätte dieses Bild früher funktioniert? Wie zeitlos fühlen sich meine alten Motive an? Würden sie in der heutigen Zeit überleben, Bestand haben. Diese Gedanken führen zwangsläufig zu einer Verschmelzung zweier Epochen in meiner Arbeitsweise. Das akribische Vorgehen und Vorbereiten meiner Aufnahmen ist wohl der Tatsache geschuldet, dass ich eine entsprechende Ausbildung genoss. Diese allerdings bei einem Fotografen, der überwiegend Produkt- und auch experimentelle Fotografie machte, dennoch leidenschaftlich die alten Klassiker wie Penn und Avedon schätzte. Diese Zeit war spannend und aufregend für mich. Also versuchte ich mich an Gegenständen, an leblosen Materialien. Die konnte man stehen lassen und tagsdrauf weiter bearbeiten. Die widersprachen nicht. Allerdings widersprach das meiner Vorstellung von aussagekräftigen Bildern. 

Ich wollte kommunizieren mit meinem Gegenüber. Ich wollte Menschen fotografieren. Das tat ich irgendwann, obgleich meine ersten Gehversuche dahin den Bildern meiner leblosen Gegenständen ähnelten, die ich zuvor vor der Kamera hatte. Pedantisch arrangiert, gerade Linien, klassischer Bildaufbau. Das sollte sich bald nach meiner persönlichen Digitalisierung ändern. Dennoch bin ich froh, das Gelernte und Verinnerlichte unbewusst einfliessen lassen zu können. 

Jetzt fotografiere ich Menschen, kommuniziere. Und bleibe ganz entspannt akribisch und pedantisch. Leidenschaftlich.